Die Marklein-Nebenlinie verwirrt…

In einer Nebenline bin ich auf die Familie Marklein gestoßen. Der Ausgangspunkt dafür ist die Tochter eines Bruders meines Großvaters – also von mir eine Tante 2. Grades. Sie wurde am 30.10.1912 in Hildesheim geboren, geheiratet hat sie am 20.11.1937 in Hildesheim einen Heinrich Karl Otto Marklein. Mir liegen sowohl die Heiratsurkunde als auch die Sterbeurkunde vor. Lediglich die Geburtsurkunde fehlt mir noch, allerdings muss ich hier aufgrund der geltenden Schutzfristen noch ca. zwei Jahre warten. Immerhin hatte mir das zuständige Standesamt mitteilen können, wer die Eltern von Therese Dzewiecki waren – ich hatte darüber bereits geschrieben.

Da ich nun bei der direkten Familie gerade bisschen ausgebremst bin, weil mir Unterlagen fehlen bzw. ich noch auf welche warte, dachte ich so: „Kümmere ich mich doch mal um die Familie ‚Marklein‚.“ Tja, und damit nahm das Verwirrspiel bzw. Drama seinen Anfang…

In Hildesheim und im Landkreis drumherum tauchten diverse Markleins auf. Dummerweise haben die Jungen oft einen „Gottlieb“ mit in ihrem Namen… Das macht die Sache nicht einfacher. Vor allem dann, wenn eben ausgerechnet der Gottlieb der Rufname war, welcher dann auch noch so in den Kirchenbüchern oder standesamtlichen Unterlagen auftaucht. Zudem wurde offenbar auch mehrfach hin- und her geheiratet…

Also nahm ich erst einmal den Ehemann von Therese. Er war Heinrich Karl Otto Marklein, geboren am 02.05.1912 in Hildesheim. Hier also das gleich aufgrund der Sperrfristen wie bei seiner Ehefrau Therese. Aus der Urkunde zur Eheschließung im Jahr 1937 geht zunächst hervor, dass der zukünftige Ehemann zu dem Zeitpunkt als Obergefreiter in Berlin Gatow bei der Luftkriegsschule 2 „wohnhaft“ war. Zudem taucht als einer der Zeugen der Rentner August Marklein in der Urkunde auf. Wer dieses ist, bleibt zunächst noch offen… Leider waren im Stadtarchiv in Hildesheim auch keine Sammelakten zur Heirat zu finden – diese scheinen in den Kriegswirren und dem Bombenangriff von 1945 wohl verloren oder vernichtet worden zu seien.

Also suchte ich erst einmal im Umfeld von Therese Drzewiecki. Zum damaligen Zeitpunkt war offenbar die Kirche St. Magdalenen in Hildesheim oftmals die Kirche der ersten Wahl, was Hochzeiten und Taufen für die Familie anging. Und tatsächlich, zuerst fand ich die Eheschließung eines Wilhelm Marklein. Dieser könnte vom Alter her zumindest ein älterer Bruder des Otto Marklein gewesen sein, also erst einmal notiert. Geboren wurde dieser in Hettstedt im Südharz – was ja auch nicht allzu weit von Dorstadt entfernt liegt. Seine Eltern sind ein Gottlieb Marklein und eine Auguste Marklein geb. Dellin. Das ausgerechnet der Name „Gottlieb“ noch für Verwirrung sorgen würde, war mir zunächst noch nicht bewusst. Seine Ehefrau sollte Franziska Przybyla werden.

Traueintrag im Kirchenbuch St. Madgalenen zu Hildesheim // © Matricula Online

1906 fand ich eine weitere Eheschließung. Hier ging es dann um Johann Gottlieb Marklein, welcher einen Vater namens Gottlieb Marklein hatte. Aber: Die Ehefrau war eine andere als die bei der ersten Hochzeit, hier war es nämlich eine Emilie Färber. Und auch der Geburtsort Glandau ist dann in Preußen im damaligen Großpolen zu verorten. Was dann noch hinzu kommt: Dieser Marklein heiratet eine Witwe Marklein, geborene Busch. Also ist hier der Bruder für einen verstorbenen ersten Ehemann „eingesprungen“? Das machte die Sache jedenfalls nicht einfacher – und das erwähnte Gottliebdrama nahm seinen Lauf. Hatte Gottlieb eventuell zweimal geheiratet? Oder handelte es sich um einen ganz anderen Gottlieb?  

Traueintrag Marklein heiratet Marklein im Kirchenbuch St. Madgalenen zu Hildesheim // © Matricula Online

Also ging die Suche weiter nach der ersten Ehe der Elisabeth Anna Busch. Auch diese konnte ich in St. Magdalenen im Jahr 1897 ausmachen. Der Ehegatte hieß Friedrich Marklein und war am 13. Juli 1871 in Glandau geboren. Der Vater des Bräutigams: Gottlieb Marklein. Aber die Mutter: Amalie Marklein, geborene Krause. Na, ganz großartig… Wie sich herausstellen sollte, war dieser Johann Gottlieb am Ende der Halbbruder des ersten Ehemannes von Elisabeth Busch.

Wie bekomme ich nun allerdings diesen ganzen „Gottlieb“-Knoten entschlüsselt? Die Spur führt hier eindeutig nach Glandau/Landsberg in Königsberg.

Ein schwarzer Tag in der Hildesheimer Stadtgeschichte

Bis zum 22. März 1945 nannte man Hildesheim oft das „Nürnberg des Nordens“. Dieses aufgrund seiner Vielzahl an alten Fachwerkhäusern. So nicht nur die um den Marktplatz, auch der Bereich im die Andreaskirche bis hin zum Altem Markt und auch der Richtung Brühl war dichtbebaut mit teilweise sehr aufwendigen Fachwerkhäusern. Einen Eindruck, wie es vor dem verhängnisvollen Tag in Hildesheim ausgesehen hat, vermittelt beispielsweise das Buch „Alt-Hildesheim in Farbe“, erschienen im Gerstenberg-Verlag.

© Gerstenberg Verlag

Doch dann geschah kurz vor dem Ende des zweiten Weltkrieges noch ein sicher nicht so erwarteter Bombenangriff auf die Stadt. Mein jetziger Wohnort Hamburg wurde bereits Ende Juli bis Anfang August 1943 durch die „Operation Gomorrah“ massiv zerstört. In Hildesheim war dann an diesem sonnigen Märztag vor 75 Jahren die „Operation Finnock“ dafür verantwortlich, dass am Ende der Großteil der Stadt in Trümmern liegt beziehungsweise in Flammen steht.

Rund 200 Lancaster-Bomber werfen innerhalb von nur einer knappen Viertelstunde 1.000 Tonnen Bomben über der Stadt ab. Dabei trifft es vor allem die historische Altstadt und auch viele Kirchen. Während scheinbar die Elternhäuser meiner Eltern, nämlich das der Familie Drzewiecki in der Immelmannstraße 23 in der Nordstadt, als auch das der Familie Ribbentrop in der Teichstraße 3 glimpflich davon kommen, wird das Elternhaus meines Opas und der damalige Wohnsitz meiner Urgroßmutter Therese Drzewiecki in der Innenstadt (Alter Markt 42) offenbar völlig zerstört. Darüber hatte ich bereits in diesem Beitrag berichtet.

Auch noch in den 50er-Jahren war ein „Zusammenrücken“ an der Tagesordnung. So findet sich in einem Adressverzeichnis der Immelmannstraße neben meinem Opa, welcher dort ja mit seiner Frau und en Kindern gewohnt hat zudem einmal Friedrich Kolotzi, welches der Ehemann seiner Schwester Elisabeth Josephine war. Hier wird wahrscheinlich die gesamte Familie dort gewohnt haben, also die Eltern und ihre zwei Jungen. Zudem taucht ein weiterer unbekannter Name auf und dann auch noch ein Mnich, welcher zur Familie meiner Großmutter zu gehören scheint. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen Bruder. Ob hier auch noch weitere Familienmitglieder mitwohnten, ist bis jetzt nicht klar.  

In der Folgezeit wurde Hildesheim wiederaufgebaut, allerdings hier dann eher praktisch und pragmatisch. Erst in dem 80er-Jahren wurde damit begonnen, den historischen Marktplatz wiederaufzubauen. Und in dem 2000ern wurde auch der „Umgestülpte Zuckerhut“ rekonstruiert. Doch dieses kann leider nicht die Vielfalt der Häuser vor dem 22. März 1945 zurückbringen.

Mehr zu den Bombenangriffen auf Hildesheim findet man hier:

Der Tag, an dem die Bomben fielen – Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Luftangriffe auf Hildesheim – Wikipedia

Therese hat jetzt einen Vater…

Es ist erst ein paar Tage her, dass ich über Therese Drzewiecki geschrieben habe, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, wo ich sie einordnen kann. Dank einer Antwort des Standesamtes Hildesheim kenne ich nun zumindest en Vater von ihr und es war August Alexander Drzewiecki. Damit kann ich Therese Drzewiecki nun eine Familie geben und auch die bereits vorhandenen Infos mit in meinem Familienstammbaum einfügen.

Und prompt stellte sich heraus, dass es einmal mehr nach Australien geht. So wie es ausschaut ereilte nicht nur Nicolaus Bolle der Ruf, nach Australien auszuwandern, auch Familienmitglieder der Marklein-Familie taten es ihm nach, allerdings deutlich später – nämlich nach dem zweiten Weltkrieg.

Und Therese? Nun, da ich ja bereits erfahren habe, dass ihr Vater im Jahr 1918 in Frankreich gefallen war bedeutet, dass auch, dass Therese zu diesem Zeitpunkt erst 5 oder 6 Jahre alt war. Zudem weiß ich derzeit noch nicht, ob es hier auch noch weitere Geschwister gibt, denn hier liegen die Geburtsdaten ja leider alle noch in den Sperrfristen, welche für Geburtsurkunden in Deutschland festgesetzt sind – also 110 Jahre. Aber bei Therese wären diese in gut zwei Jahren rum, so dass ich dann auch die Geburtsurkunde bekommen kann. Da ich dir Urkundennummer bereits aus ihrer Sterbeurkunde kenne sollte das dann nicht allzu schwierig werden.

Und wenn es die Umstände wieder erlauben kann ich dann auch im Stadtarchiv Hildesheim verstärkt Ausschau nach dem Familienstrang Marklein halten, denn scheinbar waren diese längere Zeit auch im Raum Hildesheim ansässig.  

Wessen Tochter war Therese?

In meinen bisherigen Unterlagen findet sich unter anderem neben meiner Urgroßmutter Therese Drzewiecki eine weitere Therese Drzewiecki. Nur weiß ich immer noch nicht, zu wem sie gehört. Wessen Tochter war sie? Aber mal von Anfang an: Erstmals tauchte diese Therese Drzewiecki in einem Stammbaum auf Ancestry auf. Und zwar als Ehefrau eines Otto Marklein. Zuerst dachte ich, dass wäre meine Urgroßmutter Therese Drzewiecki, geborene Bolle. Aber das passte irgendwie alles nicht zusammen. Interessanter Weise tauchten dann in den DNA-Matches auch gleich zwei Nachfahren dieses Marklein auf. Doch die Verbindung fehlt mir noch immer. Leider brachte auch der Versuch einer Kontaktaufnahme zu den Marklein-Nachfahren keinen Erfolg – nicht auf Mails und Nachrichten auf den verschiedenen Genealogie-Seiten, auch nicht auf einen persönlichen Brief.

Im Stadtarchiv Hildesheim wurde ich zumindest ein wenig fündig. Zum einen fand ich dort zunächst ihre Heiratsurkunde aus dem Jahr 1937. Demnach heiratete sie am 20. November 1937 in Hildesheim den Obergefreiten Heinrich Karl Otto Marklein. Zudem war als Randvermerk auch ein Stempel zu finden:

Randvermerk Stempel auf Heiratseintrag beim Standesamt Hildesheim

Also hatte ich nun auch noch einen Hinweis auf das Sterbedatum. Auch die dazugehörige Urkunde konnte ich dort im Archiv finden. Doch auch hier: Immer noch kein Hinweis auf die Eltern der Therese. Meine nächste Idee: Die Sammelakten zu den Heiratseinträgen. Leider auch hier Fehlanzeige. Das ist insoweit fast verständlich, wenn man bedenkt, dass Hildesheim am 22. März 1945 durch Bombenangriffe größtenteils zerstört wurde. So werden wahrscheinlich auch viele Akten den Bomben bzw. den Flammen zum Opfer gefallen sein.

Bleibt also nur die Geburtsurkunde. Doch hier gibt es ein Problem: Da es sich nur um eine Nebenlinie handelt, sind die Geburtsurkunden aufgrund der gesetzlichen Sperrfristen noch nicht verfügbar. Therese war am 30. Oktober 1912 in Hildesheim geboren. Hier müsste ich also noch mindestens zwei Jahre ausharren. Trotzdem habe ich einfach einmal eine freundliche Mail an das Standesamt in Hildesheim geschrieben, ob sie mir nicht trotzdem zumindest die Namen der Eltern mitteilen können.

Ich vermute als Vater einen der Brüder meines Opas Ferdinand Drzewiecki. Einige fallen allerdings schon vorne herein aus, denn entweder waren sie zum Zeitpunkt der Geburt noch „ledig“ oder sogar bereits verstorben. Als „Verdächtige“ bleiben für mich im Moment eigentlich nur die folgenden übrig:

  • Albert Karl Drzewiecki
  • Eduard Drzewiecki
  • August Alexander Drzewiecki

Also heißt es weiter: Abwarten und Kaffee trinken…

Zwei Weltkriege und ihr Einfluss auf die Familie

Das der zweite Weltkrieg auch Einfluss auf meine eigene Familie hatte kannte ich schon aus einigen Erzählungen in meiner Kindheit. So sind meine Eltern beide in den Kriegsjahren geboren. Zudem hatte meine Großmutter manchmal erzählt, wie sie in die Keller geflüchtet sind, wenn in Hildesheim wieder Bombenalarm war. Wie dramatisch der Bombenangriff am 22. März 1945 für Stadt Hildesheim tatsächlich war, lässt sich heute nur annähernd erahnen. Bis zum Jahr 1945 wurde Hildesheim von Bombenangriffen so gut wie verschont. Dieses änderte sich sehr dramatisch mit einem Angriff am 13. Februar und dem verheerenden Angriff im März. Nach diesen Angriffen waren rund 75 Prozent aller Gebäude durch den Angriff zerstört oder beschädigt, einschließlich fast der gesamten historischen Altstadt. Die Einwohnerzahl war in nur knapp sechs Jahren von rund 72.500 (1939) auf nur noch 39.500 im Mai 1945 gefallen. Viele waren tot oder obdachlos.

Der zerstörte Hildesheimer Marktplatz // Stadtarchiv Hildesheim
Der zerstörte Hildesheimer Marktplatz // © Stadtarchiv Hildesheim

Zu den Obdachlosen gehörte auch meine Großmutter Therese Drzewiecki, geborene Bolle. Sie lebte sehr lange in der Altstadt in der Straße „Alter Markt 42“ in unmittelbarer Nähe der Kirchen St. Magdalenen und St. Andreas. Einen ersten Hinweis zu ihrem Verbleib fand sich in einem Vermerk in ihrem Geburtseintrag in dem Kirchenbuch in Dorstadt. Dort wurde unter Bemerkungen offenbar später folgendes eingetragen:

in Hildesheim, ausgebombt 1945 nach Dingelbe

Zu dem Zeitpunkt war meine Urgroßmutter immerhin schon 88 Jahre alt. Wo sie genau in Dingelbe gewesen ist, habe ich bisher noch nicht herausbekommen. Allerdings ist sie dann im August 1946 in Hildesheim gestorben. Die Meldung über ihren Tod kam gem. Sterbeeintrag von dem Leiter des Kranken- und Altenheims in Hildesheim.

Kirchenbuch Taufen in Dorstadt im Jahr 1857, Eintrag zu meiner Urgroßmutter Therese Bolle // © Matricula Online

Meine Urgroßmutter Therese ist aber auch diejenige, welche bisher der größte Dreh- und Angelpunkt in Sachen Kriegsgeschehen ist. Denn auch der 1. Weltkrieg hat in ihrer Familie Spuren hinterlassen. Ihr Sohn, Karl Drzewiecki, ist im Jahr 1914 als Unteroffizier im Alter von 24 Jahren in Belgien gefallen. In dem Sterbeeintrag und auch im Kirchenbuch ist vermerkt, dass er im Kriegsgeschehen um das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 208 bei Diksmuide in Flandern (Belgien) gefallen ist und der Leichnam bei Schloss Vigogne in Belgien gefunden wurde. Alle Wahrscheinlichkeit wurde er auch Belgien beerdigt, doch bisher gibt es noch keinen Hinweis darauf, wo. Nur vier Jahre später war dann ihr Sohn August Alexander betroffen. Er taucht zunächst in einer Verlustliste vom November 1915 als zunächst vermisst, dann korrigiert auf leicht verwundet auf. Im März 1918 ist er dann als Angehöriger des Infanterie-Regiments Nr. 79 und dort der 10. Kompanie in Frankreich schwer verwundet worden und schließlich an seinen Verletzungen verstorben. Er wurde 29 Jahre alt. In seiner Sterbeurkunde ist die Schlacht bei Cambrai als Ort erwähnt. Aber auch bei ihm ist nicht klar, wo er bestattet wurde. Doch das sollte noch nicht alles gewesen: Auch mein Großvater Ferdinand war im ersten Weltkrieg. Er taucht in einer Verlustliste vom Oktober 1917 als „leicht verwundet“ auf. Aus Erzählungen habe ich noch in Erinnerung, dass immer die Rede von einem Kopfstreifschuss war, den er erlitten haben sollte. Und auch zu ihrem Bruder Albert Drzewiecki gibt es Hinweise auf eine mögliche Tätigkeit im Krieg. Am 02. Februar 1916 ist er nämlich im „Deutschen Reichsanzeiger“ erwähnt, dass ihm die „Rote Kreuzmedaille dritter Klasse“ verliehen wurde. Hier nach meiner Vermutung wohl auch für Dienste im Krieg.

Leider sollte das für meine Großmutter Therese nicht der letzte Schicksalsschlag in der Familie gewesen sein. Denn im zweiten Weltkrieg wurde ihr Enkel Theophil Drzewiecki nach Russland abkommandiert. Dort wurde er im Dezember 1942 m Alter von gerade einmal 19 Jahren als verschollen gemeldet. Das weitere Schicksal ist bis heute ungewiss. So hat mein Großvater sich Zeit seines Lebens geweigert, seinen Sohn für tot erklären zu lassen. Diese schwierige Aufgabe fiel schließlich 1986 seinen anderen Kindern nach seinem Tod zu, als sein Haus verkauft werden sollte. Mittlerweile habe ich Informationen über die Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dass sein Name offenbar auf dem Soldatenfriedhof in Charkow im Gedenkbuch erwähnt wird. Ich hoffe hier auf weitere Informationen über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bzw. den Suchdienst des Roten Kreuz. Auf beiden Wegen habe ich Anfragen zu den drei Kriegsgefallenen in die Wege geleitet.  

Und all dieses ist nur die väterliche Seite, da ich auf der mütterlichen Seite noch nicht soweit in den Informationen zu den zweiten der beiden Kriege zurückdringen konnte.  

Goldgräberstimmung: Von Dorstadt nach Australien

Wie bereits erwähnt, haben sich scheinbar Beziehungen nach Australien aufgetan. Aber wie kam es dazu nun genau? Ich hatte in meinem Stammbaum auf Ancestry diverse meiner Vorfahren eingetragen. Darunter auch einen Bruder meines Ururgroßvaters Heinrich Ludwig Friedrich Bolle namens Nicolaus Bolle. Und genau dieser führte plötzlich zu einem Match mit einem Stammbaum in Australien. Kann das passen? Also schrieb ich die Verwalterin einmal an, um Licht in das Dunkel zu bringen. Am Ende war das nicht nur ein bisschen Licht, sondern strahlenstem Sonnenschein. Was war also passiert?

Der Taufeintrag von Nicolaus Bolle aus dem Jahr 1836 // © Matricula Online

In Australien wusste man über die Vorfahren ihres Ahnen Nicolaus – bei ihnen als Nicholaus Bolle bekannt – ziemlich wenig. Man hatte lediglich die Namen der Eltern aus den Heirats- bzw. Sterbeunterlagen. Als vermeintlicher Geburtsort tauchte bei ihnen allerdings Hannover auf. Aus deutscher Sicht nicht so unverständlich, denn Wolfenbüttel gehörte zur damaligen Zeit zum Königreich Hannover. Wie ich weiter erfuhr, haben sie bereits seit mehr als 20 Jahren versucht, mehr über die Vorfahren zu erfahren, doch ohne Erfolg. Ich hatte allerdings den Taufeintrag zu Nicolaus aka Nicholaus in den Kirchenbüchern von der Heilig Kreuz Kirche in Dorstadt gefunden. Als ich diese ihnen schickte, war die Freude groß. Und nicht nur in Australien, sondern erstaunlicher Weise auch in der Schweiz, denn dorthin hatte es zwischenzeitlich eine weitere Nachfahrin des Nicolaus Bolle verschlagen.

Mein Ururgroßonkel Nicholas Michael Bolle mit seiner Ehefrau Rosanne Elizabeth geborene Farrell und deren Tochter Isabella Anastasia ca. 1877 // © Privat (Michelle Dennis/Corinne Fordschmid)

Dank den auf der Matricula Online vorhandenen zahlreichen Kirchenbücher aus Dorstadt ergab sich schon bald ein gänzlich neues Bild der Familie Bolle aus dieser Zeit – für alle Beteiligten.  Allerdings fehlen noch einige Puzzleteile zu der Geschichte. So ist noch immer nicht klar, wann genau Nicolaus Bolle wie über welche Route nach Australien gekommen ist. Es gibt zumindest den Anhaltspunkt, das er vor Oktober 1856 ausgewandert sein müsste. Also hatte sich der australische Goldrausch bis nach Europa und in das kleine Dörfchen Dorstadt herumgesprochen. Mehr zu der Zeit des Goldrausches findet man u.a. in diesem Wikipediaeintrag. Jedenfalls sind wir nun zu dritt damit beschäftigt, die Kirchenbücher und andere Dokumente zu durchforsten.

Ach so, noch Erwähnenswert: Die Verbindungen haben sich mittlerweile zusätzlich durch zwei DNA-Matches bestätigt.

Von der Stadt aufs Land und dann nach Australien

Wie bereits erwähnt, hatte ich zu Beginn meiner Suche nicht allzu viele Daten und Unterlagen. Da gab es vor allem einen Auszug aus dem Familienbuch „Drzewiecki/Ribbentrop“ und ein Protokoll über eine Urkundenrolle aus dem Jahr 1986. Bei letzterem ging es um den Hausverkauf des Hauses meines Opas Ferdinand nach dessen Tod.

Zunächst einmal kannte ich natürlich die Daten meiner Eltern. Und zusätzlich zumindest die Namen der Großeltern und einige ungefähre Vermutungen – zumindest die Sterbedaten betreffend.  Auch die jeweiligen Religionszugehörigkeiten waren mir bekannt.

Dank der Hilfe über das Forum auf der Seite www.ahnenforschung.net habe ich ziemlich schnell einige Hinweise erhalten, wo ich ansetzen könnte. Darunter war auch der Hinweis auf die katholischen Kirchenbücher, von denen viele bereits digital auf Matricula Online vorhanden sind. Doch zunächst habe ich mich online durch die alten Adress- bzw. Einwohnerverzeichnisse von Hildesheim gewühlt. Und tatsächlich fand ich da erste Hinweise auf die Familie Drzewiecki. So unter anderem eine Therese Drzewiecki, welche sehr lange „Alter Markt 42“ gewohnt hat. Hier tauchte im Jahr 1924 auch erstmals mein Opa Ferdinand auf, also ging ich davon aus, dass es sich bei der Therese um seine Mutter – also meine Urgroßmutter – handeln muss. Doch woher stammte sie? Wie war ihr Mädchenname? Und wohin ist sie nach 1940 verschwunden? Verstorben?

Also habe ich mich erst einmal über die Kirchenbücher hergemacht. Und dabei zunächst auf die der Gemeinde St. Magdalenen, welche direkt in unmittelbarer Nähe vom Alten Markt liegt. Und tatsächlich, hier fanden sich erste Einträge. Darunter ein Sterbeeintrag zu einen Kriegsgefallenen namens Karl Drzewiecki und ein Hinweis auf seine Eltern: Theophil Drzewiecki und dessen Ehefrau Therese geborene Bolle. Also hatte ich zumindest schon mal die Namen der Urgroßeltern väterlicherseits.

In einem Kirchenbuch einer weiteren katholischen Kirche, nämlich St. Godehard, fand ich dann die Trauung des Albert Karl Drzewiecki. Diesen hatte ich bereits mit einer Erstkommunion in der St. Magdalenen-Kirche gefunden und dieses war offenbar der Erstgeborene von Theophil & Therese. Aber im Traueintrag gab es einen entscheidenden Hinweis: Er wurde nämlich gar nicht in Hildesheim geboren, sondern in Dorstadt. Wo um alles in der Welt war nun Dorstadt? Google ist dein Freund und schnell fand ich dieses kleine Dorf, welches heute rund 700 Einwohner hat. Es liegt im Landkreis Wolfenbüttel und ist gar nicht so weit von Hildesheim entfernt. Also ging es weiter zu den dortigen Kirchenbüchern…

Blick auf Dorstadt © www.dorstadt.de
Dorstadt in Niedersachsen // © www.dorstadt.de

Und hier explodierte es: Jede Menge Bolles über etliche Jahre und Generationen hinweg. Nachdem ich nun sogar Hinweise auf die Ururgroßeltern hatte, habe ich erst mal alle bis dahin vorhandenen Daten in meinen Stammbaum auf Ancestry eingepflegt. Nach kurzer Zeit tauchte plötzlich ein Hinweis auf einen Nicholaus Bolle auf. Allerdings in Australien! Ich habe also mal die Verwalterin des betreffenden Stammbaumes angeschrieben, ob sie da irgendeine Verbindung sieht. Und was soll ich sagen, die gab es, denn wie sich nach einigen Mailwechseln herausstellen sollte, war ihr Vorfahr Nicholaus Bolle in Wahrheit Nicolaus Bolle und der Bruder meines Urururgroßvaters. Doch über diese Geschichte erzähle ich demnächst mehr…

Woher stammt die Familie?

So eine Frage haben sich sicher schon einige gestellt. Und wenn man dann tatsächlich in die Familienforschung einsteigt, erfährt man sicher unerwartete Dinge. So ging es mir recht schnell auch. Zu Beginn der Ahnenreise habe ich ja gedacht, es könnte recht „überschaubar“ bleiben, denn gefühlt war unsere Familie gar nicht so groß. Meine Mutter hatte keine Geschwister und mein Vater auch nur eine „richtige“ Schwester – plus drei Halbgeschwister. Das hatte ich zumindest bis dahin gedacht…

Doch wo anfangen? Die Ausgangslage war mehr als bescheiden. Neben den Daten meiner Eltern kannte ich nur noch die Namen der Großeltern, aber weder genaue Geburts- noch Sterbedaten. Also wurden zunächst einmal ein paar Unterlagen vom Standesamt in Hildesheim angefordert, um überhaupt einmal einen Anfang zu haben, auf dem man dann aufbauen konnte.